Der vordere Odenwald. Wiesen, Felder, Hügel und Wälder. Viel Natur, idyllische Dörfer und Städtchen. Rentiere erwartet man hier eher nicht und doch kann man sie in Hassenroth antreffen. Die Geschichte dazu verraten mir Martin Pfeil und Lisa Flath vom Birkenhof.
Zu Besuch auf der Rentierwoad
Inhalt
Es ist ein sonniger und warmer Nachmittag, als wir Richtung Hassenroth aufbrechen. Der kleine Ort liegt auf einer Anhöhe im Norden des UNESCO-Geo-Naturparks Bergstraße-Odenwald und ist von Wiesen, Weiden und Mischwäldern umgeben. Für mich eine Landschaft, die mir vertraut ist. Ich wohne nur eine knappe halbe Stunde entfernt, war hier schon als Kind auf Ausflügen und um die Ecke habe ich damals geheiratet. Doch an diesem Tag fahre ich über einen schmalen asphaltierten Weg zum etwas außerhalb gelegenen Birkenhof. Hier war ich noch nie, habe aber heute eine ganz besondere Verabredung.
Als wir den Hof betreten, kommt mir Martin bereits entgegen und nimmt mich in Empfang. Gemeinsam schlendern wir über den Hof, vorbei an Kaninchen und Meerschwein, Stacheltier und Isländern. Die Familienhunde begrüßen uns und wir hören Kinderlachen und Wasser plantschen. „Ach, der Rest der Familie ist schon auf der Weide“, kommentiert Martin die Geräuschkulisse und als wir um die Ecke biegen, winkt uns seine Partnerin Lisa von einer Holzbank aus zu, vor ihr auf der Wiese spielen die Kinder am Wasserbecken und drumherum schlendern ganz entspannt Rentiere. Kurz kann ich einfach nur dastehen und kann es kaum glauben. Ein Rentier liegt entspannt im Schatten des Unterstandes, eines frisst ungestört, eines plantscht ebenfalls am Wasserbecken und eins holt mich mit einem Stups gegen mein Bein ins hier und jetzt zurück. Tatsächlich. Das sind zweifelsohne Rentiere. Rentiere im Odenwald. Verrückt.



Rentiere in Hassenroth
„Das ist Ylva“, lässt Lisa mich wissen. Ylva ist letztes Jahr hier auf dem Birkenhof geboren, sehr neugierig und möchte gekrault werden. Das lasse ich mir nicht zweimal sagen.

Während ich Ylva also das borstige Fell kraule, das jetzt zum Fellwechsel unfassbar haart, werfe ich einen genaueren Blick in den Unterstand auf der Weide. Dort hat sich das jüngste Mitglied der kleinen Rentierherde ein Schattenplätzchen gesucht. Es ist erst gut drei Wochen her, dass der kleine (noch namenlose) Kerl hier zur Welt gekommen ist. Ich habe schon oft Rentiere gesehen. Weit im Norden Europas. Große und kleine, auch weiße. Gestreichelt habe ich auch schon mal eins, aber so ein Winzling ist mir noch nie begegnet. Dass diese Begegnung nun ausgerechnet hier im Odenwald stattfindet ist unglaublich. Und natürlich brennt mir eine Frage unter den Nägeln. Wie kam es dazu? Als ich gelesen hatte, dass nicht weit von mir im Odenwald Rentiere leben, wollte ich das natürlich mit eigenen Augen sehen und mehr erfahren. Ich frage Martin nach der Geschichte des Hofes und er erzählt sie mir, während wir den Rentieren zuschauen, die sich nicht weiter stören lassen.



Von der Milchwirtschaft zur Rentierwoad
Lisa ist hier auf dem Hof der Familie aufgewachsen, dessen Geschichte in den 70er Jahren mit den Großeltern begann, die hier Milchwirtschaft betrieben. Doch Zeiten ändern sich und irgendwann stellte sich die Frage, ob man den Hof vergrößert oder sich verändert und man entschied sich für die Veränderung. Zu dieser Zeit hatte die Familie bereits Pferde auf dem Hof. Isländer um genau zu sein und man baute die Stallungen so um, dass Pensionspferde auf dem Hof einziehen konnten. So ist das auch bis heute noch. Lisa kümmert sich um den elterlichen Betrieb und gibt auch Reitstunden. Doch sie hatte auch noch einen anderen Traum. Auf den großen Weideflächen um den Hof, hätte sie unheimlich gerne Rentiere. Der Platz wäre ja da. Als sie Martin nach ihrem Kennenlernen von diesem Traum erzählt, stellt er ihr die Frage, warum sie sich diesen Traum nicht erfüllt hätte. Versucht hatte Lisa das, aber war bei ihren Anfragen und Recherchen gescheitert, denn niemand wollte ein Rentier an eine Privatperson abgeben. Martins Ehrgeiz ist geweckt. Der gelernte Tierpfleger nimmt Kontakt zu seiner Ausbildungsstätte auf, wo er bereits mit Rentieren zu tun hatte. Und da nun nicht nur Platz vorhanden war, sondern auch das nötige Fachwissen und die Kontakte, zogen schlussendlich die ersten zwei Rentiere auf dem Birkenhof ein. Der Beginn der „Rentierwoad“, der Rentierweide hier im Odenwald. Die beiden fühlten sich so wohl, das bald darauf, viel früher als Lisa und Martin eigentlich zu hoffen gewagt hätten, der erste Nachwuchs zur Welt kam. Da die Schwangerschaft unbemerkt geblieben war, überraschte die kleine Ylva Lisa eines Tages. Beim Gang zur Weide lag da plötzlich putzmunter das erste in Hassenroth geborene Rentier. Der ganze Birkenhof war sofort in heller Aufregung. Bis Martin von der Arbeit auf dem Hof angekommen war, stapfte die Kleine bereits durch das hohe Gras. Der kleine Bruder folgte dann ein Jahr später am 4.5.2026, einen Tag nachdem hoch im Norden Europas, bei den Sámi, das neue Jahr beginnt. Miessebeaivi ist ein samischer Begriff, den ich schon in diesem Zusammenhang gehört habe. Er bedeutet so viel wie der Tag des Rentierkalbens und beschreibt den Beginn einer neuen Rentier Saison, den Neubeginn des ewigen Kreislaufs. Jetzt hoffentlich auch in Hassenroth, denn die Herde soll noch wachsen.



Warum gerade Rentiere?
Man könnte vermuten, dass es die Liebe zu Lappland war oder ein einprägsame Begegnung mit Rentieren um den Polarkreis war, was zur Idee mit den Rentieren führte, aber tatsächlich haben weder Lisa noch Martin bisher den hohen Norden bereist. Warum dann eigentlich ausgerechnet Rentiere und nicht zum Bespiel eine andere Hirschart, wie das hier heimische Damwild? Was macht die Rentiere so besonders? „Sie sind ein bisschen treudoof“, antwortet Martin schmunzelnd und tätschelt dabei liebevoll Ylva, die uns während des Gesprächs nicht von er Seite weicht, als wolle sie hören, was wir besprechen. Die Tiere sind zutraulich, offen, zeigen, wenn sie etwas nicht mögen und sind z.b. nach einer tierärztlichen Behandlung nicht nachtragend. Sie sind deutlich weniger schreckhaft als ihre entfernten heimischen Verwandten und so entsteht eine ganz andere Bindung. „Sie sind einfach sehr ehrliche Tiere“, fasst Martin zusammen und ergänzt, dass sie fast wie Familienmitglieder sind.

Doch Rentiere sind auch sensibel. Bei Futterumstellungen können sie empfindlich reagieren, neigen zu Parasitenbefall und es braucht schon einen erfahrenen Fachtierarzt und eine gute Beratung, damit die Tiere so gesund und unbeeindruckt auf Odenwälder Wiesen leben können. Hier klappt das wunderbar, dank der erfahrenen Kontakte und dem großen Einsatz von Martin und Lisa. So wird zum Beispiel regelmäßig der Kot der Tiere gecheckt, um sicher zu gehen, das alles in Ordnung ist. Fazit: Odenwälder Gras und Blätter vertragen die Tiere wunderbar und in Verbindung mit Flechten aus Schweden und speziellen Futter-Pellets haben sie hier alles, was sie brauchen. Beim Blick über die Rentierweide könnte man meinen, die Tiere seien schon immer hier gewesen.


Pläne für die Zukunft des Hofes und der Rentiere
Nicht nur das Rentierrudel soll weiter wachsen, sondern auch der Hof soll sich weiterentwickeln. Ein kleines Tiny House in einem Bauwagen gibt es bereits für Übernachtungsgäste, die auf der kleinen Terrasse der Wohlfühloase sitzend den Blick über die Natur und die Rentiere schweifen und die Seele baumeln lassen können. Vorne auf dem Hof lädt die „Bizzlbüchse“ Gäste, Radfahrer und Wanderer zum Verweilen ein, denn in dem umgebauten Bauwagen gibt es regionale Kaltgetränke, Kaffee und davor Sitzmöglichkeiten im Grünen. Aber die Ideen sind Martin und Lisa noch längst nicht ausgegangen und der Platz auch nicht. So sind sie ihrem Traum vom naturnahen Campingplatz mit 24 Stellplätzen am Hof schon ein großes Stück näher gekommen, haben an Plänen gefeilt, sind mit den Behörden ins Gespräch gegangen und das Bauleitverfahren läuft bereits. Wenn alles klappt können Camper also in nicht allzu ferner Zukunft mit Blick auf die Rentierweiden übernachten und den Tieren auf Augenhöhe begegnen.




Dieser Umgang mit Mensch, Tier und Natur ist der Familie wichtig. So kommen auch Kindergruppen einer Jugendhilfeeinrichtung zweimal die Woche hierher zu den Tieren, helfen beim Misten und auf dem Hof. Beim Hoffest vor kurzem unter dem Motto „Der Natur auf der Spur“ konnten große und kleine Besucher viel lernen. So informierte die Feuerwehr über die Waldbrandgefahr, das Jägermobil über heimische Tierarten, HessenForst hat eine Wanderung auf dem Naturlehrpfad durch den Wald gemacht und auch auf dem Hof gab es allerhand zu entdecken.
Besucher Willkommen – Füttern verboten
Besuch ist auf dem Birkenhof nicht nur zu Veranstaltungen, sondern auch sonst immer willkommen und gerne darf man sich auch dem Rentiergehege nähern, solange das Gatter nicht geöffnet und kein Tier gefüttert wird. Gemeinsam mit Martin oder Lisa können aber zum Beispiel Familien mit Kindern gerne bei der Fütterung helfen, die Rentiere kennenlernen und streicheln, sofern das Rentier das möchte. Aber so wie ich das kleine Rudel kennengelernt habe, würde ich sagen, dass die Chancen gut stehen. Zumindest Ylva ist viel zu neugierig, um nicht hallo zu sagen.

Fazit
„I want to be where the reindeers are“, sage ich oft und träume dabei vom hohen Norden Europas und möchte mich am liebsten dorthin Beamen, um durchzuatmen und die Akkus aufzuladen. Doch wenn ich das nächste mal Sehnsucht habe und mich dahin wünsche wo die Rentiere sind, besuche ich einfach wieder den Birkenhof, schaue den Rentieren zu, lasse den Blick über die mir vertraute Landschaft schweifen und genehmige mir einen Schluck Brause aus der „Bizzelbüchse“.
Infos und Kontakt
Rentierwoad auf Instagram: https://www.instagram.com/rentier_woad/
Adresse: Birkenhof 1 – 64739 Höchst


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