Reiseberichte, Spitzbergen - 2 Couchpotatoes in der Arktis
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Spitzbergen: 2 Couchpotatoes in der Arktis (Teil 2)

2 Couchpotatoes in der Arktis (Teil 2)

 

Ich hatte euch schon mitgenommen zu den wirren Reiseplanungen und dem atemberaubenden Anflug auf Spitzbergen. In die Arktis. In Teil 2 kommen wir in Longyearbyen an, treffen auf die Hunde und einen mürrischen Guide, starten unser Abenteuer und verbringen die erste helle Nacht im Zelt.

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Da waren wir nun also. Auf Spitzbergen. In der Arktis. In Longyearbyen am Flughafen, um genau zu sein. Der Bus brachte uns und eine bunte Mischung aus Ankömmlingen in die Stadt, von wo aus wir uns verteilten. Im Büro unseres Reiseveranstalters vor Ort bekamen wir die Unterlagen samt Zeitplan und wurden zu unserer Unterkunft am Ortsrand gefahren. Die erste Nacht verbrachten wir im Gjestehuset 102, bevor wir am nächsten Morgen abgeholt wurden.

Unser Guide würde Anton sein, hatte man uns gesagt. Da wären wir in guten Händen. Warum das so betont wurde, begleitet von einem eindringlichen Blick, sollte sich uns erst später erschließen. Zunächst beschlossen wir, noch einmal in den kleinen Ort zu laufen. Immerhin kann man sich innerhalb der Ortsgrenzen entspannt und ohne Waffe bewegen. Außerhalb des Ortes sollte man immer mit Eisbären rechnen und für den Notfall etwas zur Verteidigung dabeihaben.

Die Sonne schien, es war gar nicht so kalt und so kleideten wir uns zwar warm ein, aber ließen die Thermoklamotten weg. Ein Fehler, wie die eingefrorenen Oberschenkel kurze Zeit später bewiesen.

Nichtsdestotrotz genossen wir den Spaziergang in der Sonne und kehrten im Radisson blu Hotel ein. Genauer gesagt im Barentz Pub, das zum Hotel gehörte. Und wie überall in Longyearbyen gilt auch hier: Schuhe aus! In jedem Gebäude, egal ob Supermarkt, Hotel oder Kirche, gibt es zunächst einen Vor- oder Nebenraum, in dem man die Schuhe ausziehen und sich seiner Thermoklamotten entledigen kann. Ins Pub geht’s dann halt auf Socken. Zur Feier des Tages gönnten wir uns eine Pizza und wir mussten lernen, dass „groß“ hier wirklich „groß“ bedeutet: Es wurden zwei Pizzen von der Größe zweier Wagenräder an unseren Tisch gebracht. Den Fehler macht man auch nur einmal. Nachdem wir uns gestärkt (und nicht mal eine Pizza geschafft) hatten, ging es zurück in die Unterkunft, wo wir versuchten, trotz der Aufregung etwas Schlaf zu finden. 

Am nächsten Morgen wurden wir abgeholt und fuhren einige Kilometer außerhalb des Ortes auf die Huskyfarm, um Guide, Mitreisende und Hunde zu treffen. Unsere bunte Truppe bestand außer uns noch aus einem Dr. der Geologie, der sich den Trip selbst zum 70. (!) schenkte, einem jungen Dänen und einem Briten, der kurz zuvor seine Frau verloren hatte und dessen Kinder ihn zu diesem Trip ermutigt hatten. Auf der Huskyfarm angekommen, nahm uns Priitta in Empfang. Die sympathische Finnin war aus Neugier nach Spitzbergen gekommen und der Liebe wegen geblieben. Ihr Mann Anton war im Gegensatz zu ihr nicht sehr gesprächig. Die Miene des Norwegers verriet so gar nichts und wir waren froh, dass seine Frau und die Praktikantin uns alles zeigten und erklärten. Vor lauter Aufregung, vergaßen wir das Fotografieren völlig. Wir bekamen auch einiges an Funktionskleidung, da man sich nicht auf die der Greenhorns aus dem Süden verlassen wollte. Wahrscheinlich oft keine schlechte Idee. Nachdem wir eingekleidet waren, Priitta uns gezeigt hatte, wie die Zelte aufzubauen waren, und wir das Nötigste auf den Schlitten verteilt hatten, lernten wir die Hunde kennen und wie wir diese vor den Schlitten zu spannen hatten. Das Zusammentreffen mit den Hunden vor dieser Kulisse war gigantisch und fast schmerzhaft laut, um ehrlich zu sein. Die Hunde wollten los und waren ungeduldig. Mein linker Wheeldog knurrte mich an, als ich versuchte ihm das Geschirr anzuziehen und ich hatte Angst. Das fand Anton nicht so witzig und reagierte genervt. Priitta lächelte, erklärte mir, auf was ich zu achten habe, und schwupps war der Husky, der einfach nur ungeduldig gewesen war, in seinem Geschirr. Erst jetzt wurde uns allen klar, dass weder Priitta noch die Praktikantin mitkommen würden und man diesen merkwürdigen Eigenbrötler aus Norwegen tatsächlich alleine auf uns losließ. Die Finnin lächelte und wiederholte, was wir alle schon gehört hatten: „Bei ihm seid ihr in besten Händen“
Und schon ging es los. Naja fast. Unser Geologe, der das zweite Notfall-GPS verwahren sollte und eifrig genickt hatte, als die Wichtigkeit und die Benutzung des Gerätes erklärt wurden, hatte selbiges im Haus vergessen. Ich sehe heute noch die Kieferknochen des Guides mahlen …

Aber dann. Dann ging es los. „Gå!“ – der Schlitten setzte sich das erste Mal in Bewegung und wir mussten Vertrauen haben. In den Guide und seinen Leithund, in unsere Hunde, in uns selbst, unsere Chaostruppe und die Natur. Aber wir waren ja in guten Händen, hatte man uns gesagt, und so fuhren wir hinter Anton her.

Weg von der Huskyfarm, Richtung Ostküste, durch das Bolterdalen, Tverrdalen bis ins Reindalen. Ich erinnere mich noch heute an das unfassbare Gefühl, als verschwindendes Nichts auf einem Hundeschlitten durch die unfassbar weiten arktischen Täler zu fahren.

Jeder für sich. Still. Doch das machte nichts, denn in Worte wäre das ohnehin nicht zu fassen gewesen. 

Wir waren den ganzen Tag unterwegs und steuerten am Abend einen geschützten Platz an, um das Lager aufzuschlagen. Zelte aufbauen, Hunde aus dem Geschirr befreien und einheizen, um das Essen aus der Tüte zu erwärmen (Turmat – geht sogar).

arktisches Klo

Anton war weiterhin brummelig und einsilbig. Als wir dann aber in seinem Zelt um den Ofen saßen und schweigend gegessen hatten, holte er plötzlich einen kleinen Kuchen aus der Zeltluke, den er während des Kochens hatte auftauen lassen. Auf unsere verständnislosen Blicke hin, zuckt ein Mundwinkel kurz und er unterstreicht, dass er ohne etwas Süßes nirgendwo hingeht. Wir lachten und trauten uns dann doch, ein bisschen was zu fragen. Anton ist Trapper gewesen und hat schon die ein oder andere Überwinterung in der Abgeschiedenheit der Arktis hinter sich. Ich fragte ihn nach dem vielen Schnee, da ich überrascht war, wieviel Schnee die Eiswüste hat. Er sagte, so viel Schnee habe es seit 20 Jahren nicht gegeben. Der Klimawandel. Wir alle nickten bedrückt und bissen nochmal vom Kuchen ab. Als wir in die Schlafsäcke krochen, zog es draußen zu. Anton sagte, morgen könnten wir schlechtes Wetter haben, aber das hielte nie lange. Trotz der Tatsache, dass es taghell war und die Hunde laut waren, schliefen wir gut und warm. Die Schlafsäcke waren super und der Schnee isolierte zusätzlich. Und so brach unsere erste helle Nacht herein. Kurz vor dem Einschlafen ließ ich die ersten Eindrücke Revue passieren und dachte darüber nach, wie irre es ist, im Eisbärengebiet im Zelt zu übernachten.

Doch ich hatte Vertrauen. In die Hunde, den mürrischen Trapper und letztlich auch irgendwie in die Eisbären. Ich war gespannt, was uns noch erwarten würde, zog die Mütze über die Ohren und den Schlafsack bis zum Kinn zu.

In Teil 3 fragen wir uns, was zum Teufel ein „Shit in the ice“ ist, sehen einen Gletscherabbruch, haben einen ungebetenen Reisegast, entdecken ein ungewöhliches Himmelsobjekt, überwinden einen Pass, trotzen Wetter und mürrischem Guide und kommen am Ende doch alle am Stück wieder an.

1 Kommentare

  1. Lumi81 sagt

    Ich kann mir den Sonnenschein von Guide bildlich vorstellen 😂👍& ebenso wie irre das ist und man sich das ein oder andere Mal fragt: Was zur Hölle mach ich hier überhaupt? Und dann wieder denkt: Ich kann mir nichts Schöneres vorstellen…und ich habe eine vage Vermutung was „Shit in the ice“ zu bedeuten hat 😂🙈🙈…freue mich auf Teil 3!

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