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Fernwehgedanken

Fernweh?

Fürst Hermann von Pückler-Muskau wird die Wortschöpfung zugeschrieben. Ab 1835 soll er das Wort in seinen Reiseerzählungen verwendet haben, die wahrscheinlich weniger bekannt sein dürften, als das nach ihm benannte Eis. Noch bevor sich also der Tourismus des Wortes bediente, empfand man eine Notwendigkeit, diesem Gefühl einen Ausdruck zu geben. Aber was genau ist Fernweh eigentlich? Wo kommt es her und wie geht man damit um?

Meerweh hatte ich schon immer. Mein Fernweh erwachte jedoch erst nach und nach, ließ sich dann aber schnell nicht mehr weg diskutieren. Es war wohl schon immer da, doch war ich lange auch einfach nicht mutig genug.
Aber woher kommt es? Ist es erblich? Von meinem Vater, der sich fremde Länder und Kulturen zwar mit großem Interesse, aber lieber aus dem heimischen Sessel ansieht, habe ich es wohl nicht. Meine Mutter zieht es da schon eher in die Welt und so musste der Vater nach Cuba und Norwegen reisen. Und es hat ihm am Ende auch noch gefallen. Der heimische Sessel thront dennoch über allem und so ist die Ursache hier nicht zu finden.
Dann möglicherweise beim Onkel, der als Schulbub mit dem Nachbarsjungen durchbrennen wollte. „Bin mit Kohlebär auf Weltreise“ lautete die denkwürdige und viel zitierte Nachricht, die er meinen Großeltern hinterließ. Aus dem Plan wurde nichts, aber später kam er durchaus rum und plant derzeit, nach Spanien auszuwandern.
Oder lag es vielleicht am Großonkel? Der gelernte Koch, der in den 50er Jahren als Privatsekretär eines Tabakmillionärs die Welt bereiste und später als Hotelchef Stars, Sternchen und Politiker aus aller Herren Länder begrüßte, sagt schon mal so Sätze wie „Ach, Philadelphia. Da bin ich auch mal Fallschirm gesprungen“.
Oder ist gar die Oma „schuld“, die ursprünglich aus Nieder-Lindewiese (heute Lipová-lázně in Tschechien) stammt? 1945 wurde die Familie enteignet und vertrieben. Die Geschichten aus der Kindheit im Kurort, von Freiwaldau, den Wanderungen auf den roten Berg und dem Altvatergebirge liessen mich früh über den Tellerrand sehen. Mit 17 durfte ich mit ihr in die alte Heimat reisen. Eine wertvolle Reise, die ich aus verschiedenen Gründen nie vergessen werde. Noch heute sehe ich meine Großmutter vor ihrem Elternhaus stehen und auf den Baum im Garten blicken, den ihr Vater vor langer Zeit gepflanzt hatte.
Aber lässt sich überhaupt ein Grund finden oder liegt es einem eben einfach im Blut? So wie den Zugvögeln? Habe ich eine Art „Zugunruhe“, die mich immer wieder in die gleiche Richtung zieht? Oder ist es doch eher die Sehnsucht zu entfliehen?
Fakt ist, dass dieses Fernweh schier unstillbar ist. Ich bezweifele aber stark, dass der Grund immer Unzufriedenheit ist und noch mehr, dass man etwas dagegen tun muss. Ist es nicht viel mehr etwas, dass uns lebendig macht, neugierig werden und bleiben lässt? Über den Tellerrand schauen, hat ja bekanntlich selten geschadet. Die Sehnsucht nach fernen Orten, lässt einen mit anderen Augen auf diese Welt und ihre Menschen blicken.

„Mein ganzes Leben sei ein Fahren
zu allen Enden dieser Welt.
Es gibt so viel des Wunderbaren,
das sich vor uns verborgen hält.“
Alexej Stachowitsch

Mich hat nie interessiert, welche Reiseziele gerade „in“ sind. Ich reise der eigenen Nase nach, die nun mal meist gen Norden zeigt. Und ich habe mich wirklich mit der Frage beschäftigt, ob es eine Flucht ist. Aber ich habe keinen Grund wegzulaufen und so fühlt es sich auch nicht an. Reisen ist für mich eher wie ein Flirt mit der großen weiten Welt. Und vielleicht muss man auch manchmal weit reisen um wieder bei sich selbst anzukommen. Viele Dinge sieht man fern der Heimat deutlicher. Und auch das zuhause weiss man noch mehr zu schätzen. Ohne Heimat, gäbe es auch keine Fremde zu entdecken. Ohne Rückkehr, keine neue Reise.

„Am besten, ihr geht jetzt nach Hause“, sagte Pippi, „damit ihr morgen wiederkommen könnt. Denn wenn ihr nicht nach Hause geht, könnt ihr ja nicht wiederkommen. Und das wäre schade.“
(Pippi Langstrumpf in „Pippi zieht in die Villa Kunterbunt ein“ von Astrid Lindgren)

Wie geht es euch? Habt ihr auch Fernweh? Wie geht ihr damit um?

2 Kommentare

  1. Ein sehr schöner Beitrag (und tolles Pippi-Zitat!), dem ich rundherum zustimme.
    Ich habe zeitweise starkes Fernweh, aber hauptsächlich nur im Sommerhalbjahr und ganz klar Richtung Norden (und ein bisschen auch nach Osten). Wie ein Zugvogel 🙂 . Dabei sehne ich mich vor allem nach Natur, Städte interessieren mich im Moment nicht mehr. New York, London, Stockholm – who cares 😉 ? Ich glaube übrigens, wenn ich im Norden leben würde, würde ich mich im Winter nach Mitteleuropa sehnen (natürlich nicht in das Schmuddelwetter, aber irgendwie wieder zurück nach „Hause“).

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