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Helsinkis Geheimnisse: Graf Zeppelin auf Parkplatzsuche

Kennst du dieses Gefühl, wenn du geschichtsträchtige Gebäude besuchst, und dich fragst, was die Wände wohl alles zu erzählen wüssten, wenn sie nur könnten? Manchmal, wenn man Glück hat, geben Gebäude einige dieser Geschichten preis. So auch ein „Loch“ im Dach des traditionsreichen Hotel Torni.

(Titelbild: © Helsingin kaupunginmuseo)

Foto: © Sääski Oy / Helsingin kaupunginmuseo

Graf Zeppelin zu Gast in Helsinki? 

Aufgefallen ist mir das “Loch” in der Decke der Ateljee Bar ganz oben im 13. Stock des Solo Sokos Hotel Torni aus dem Augenwinkel schon, aber ich habe es nie weiter beachtet. Ich vermutete einen Lüftungsschacht oder ähnliches. Um ehrlich zu sein interessierte mich die grandiose Aussicht mehr, zu der man wunderbar einen Lonkero als Sundowner genießen kann. Ich hatte keine Ahnung, dass dieses „Loch“ Teil einer kuriosen Anekdote ist. 

Als 2022 das geschichtsträchtige Hotel, und somit auch die Bar, nach umfangreichen Renovierungsarbeiten wiedereröffnet wurden, las ich in einem der zahlreichen Berichte, die zu diesem Anlass veröffentlicht wurden, von diversen Berühmtheiten, die schon im Torni zu Gast waren. Neben großen Namen wie Josephine Baker und Roger Moore, fiel mir vor allem einer ins Auge: Graf Zeppelin. Ich stutzte, recherchierte kurz die Daten und stutzte erneut, denn Ferdinand Graf von Zeppelin verstarb bereits 1917, während das Torni erst 1931 eröffnete. Doch schnell fiel der Groschen. Gemeint war natürlich das nach dem Erfinder der Starrluftschiffe benannte Luftschiff LZ 127, besser bekannt als „Graf Zeppelin“. Doch wie kann ein Zeppelin nun in einem Hotel zu Gast sein? Nun, gar nicht, aber geplant hatte man es, was mich später wieder zu jenem ominösen Loch in der Decke der Ateljee Bar bringt. 

Foto: © Mustakallio Hannes / Helsingin kaupunginmuseo

Die Blütezeit der Zeppeline 

In den 20er- und 30er-Jahren erlebte die deutsche zivile Zeppelin-Luftfahrt ihre Blütezeit. Vor allem die Strecke Deutschland – USA war stark frequentiert. Die 1928 in den Dienst gestellte „Graf Zeppelin“ absolvierte diese Fahrten bereits Jahre vor der „Hindenburg“, die später tragische Berühmtheit erlangen sollte. Mein Großvater sah die „Hindenburg“ übrigens als 7-jähriger Bub, als sie 1937, von Frankfurt am Main aus, Richtung Amerika fuhr, was ihre letzte tragische Fahrt werden sollte. Der Zeppelin hatte ihn tief beeindruckt, wie er mir viele Jahre später erzählte. Aber das nur am Rande. In dieser Geschichte geht es um die „Graf Zeppelin“, die auch auf andere spektakuläre Fahrten ging, wie etwa eine 20-tägige Weltfahrt, eine Palästina-Rundfahrt und eine Polarfahrt. Im Jahr 1930 jedoch, also zu der Zeit, in der man das Hotel Torni errichtete, war das Luftschiff auf einer weniger spektakulären Fahrt zu Gast in der finnischen Hauptstadt. 

Foto: © Helsingin kaupunginmuseo
Foto: © Mustakallio Hannes / Helsingin kaupunginmuseo

Zeppelin über Helsinki

Für die Crew mag diese Fahrt weniger spektakulär als eine Weltfahrt gewesen sein, für die Menschen am Boden, wie zum Beispiel meinen Großvater, war die Überfahrt eines solch riesigen Zeppelins natürlich immer ein besonderer Moment. Das war in Helsinki nicht anders. Am 24. September 1930 kam die Meldung, dass der 236 m lange Zeppelin via Riga und Tallinn nun die finnische Hauptstadt ansteuerte und tausende waren auf den Beinen, um dem majestätischen Luftschiff bei seiner Ankunft am Nachmittag zuzuwinken. Kein Wunder also, dass im Archiv des Stadtmuseums zahlreiche Aufnahmen zu finden sind, die diesen Besuch festhielten. Die Crew wiederum beeindruckte von oben unter anderem die Baustelle des Hotels, entstand hier doch das zu dieser Zeit nicht nur höchste Gebäude Helsinkis, sondern ganz Finnlands. Hier trafen zwei Superlative aufeinander. Wer dann am Ende die wahnwitzige Idee hatte, ist nicht überliefert, aber tatsächlich veränderte der Besuch des Zeppelins die Baupläne des Hotels.

Foto: © Nikkilä E. / Helsingin kaupunginmuseo

Der kürzeste Weg zur Bar

Gemütlich mit dem Luftschiff über Finnlands Hauptstadt am Meer zu fahren macht durstig, doch man kann solch ein riesiges Luftschiff ja nicht einfach eben schnell irgendwo parken. Tatsächlich konnte das Luftschiff an diesem Tag aufgrund der Witterungsverhältnisse nicht auf dem eigens dafür präparierten Platz in Viiki landen und Passagiere, die eigentlich in Helsinki von Bord hatten gehen wollen, mussten und bis Stockholm mitfahren. Alles in allem also eher suboptimal. Außerdem will man ja gegebenenfalls die Aussicht noch etwas genießen. Ein „Parkplatz“ müsste also weiter oben gelegen sein. Dort könnte man dann auch einen Drink zu sich nehmen, was eine Win-win-Situation für alle Beteiligten wäre. So ähnlich stelle ich mir die Gedanken und Gespräche zumindest vor, die 1930 dazu führten, dass man tatsächlich beschloss in das Dach des Hotels eine Möglichkeit zum Andocken des Zeppelins zu integrieren, damit dieser dort landen könne, um den Reisenden über eine Leiter einen direkten Zugang zur Bar zu gewähren. Ja, tatsächlich. Ein Zeppelinlandespot mit direktem Zugang zur Bar. Kippis und Prost. 

Foto: © Helsingin kaupunginmuseo

Die „Graf Zeppelin“ kehrte nicht zurück über die Dächer Helsinkis. Nachdem die „Hindenburg“ verunglückte, wurde sie außer Dienst gestellt und später verschrottet, um Aluminium für die Luftrüstung zu gewinnen. Auf dem Dach des Hotels gelandet ist am Ende also weder die „Graf Zeppelin“ noch irgendein anderer Zeppelin, aber man wäre bereit, denn die Luke in der Decke der Ateljee Bar ist bis heute als Erinnerung an diese kuriose Geschichte erhalten geblieben. Sie befindet sich in nächster Nähe zum Tresen. 

Foto: © Mustakallio Hannes / Helsingin kaupunginmuseo

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