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Prag – die goldene Stadt

Prag – die goldene Stadt

Ein Wochenende zwischen Hradschin und Pulverturm

 

Wie jetzt? Prag? Das liegt doch gar nicht in Skandinavien. Das ist richtig. Doch auch wenn mein innerer Kompass immer gen Norden zeigt, so bin ich doch einfach generell reisefreudig. Prag kannte ich flüchtig von früheren kurzen Besuchen. Zuletzt war ich vor etwa 15 Jahren mit meiner Examensklasse der Hebammenschule (Grüße und Küsse an euch!) dort. Als jetzt im Mai beim Kaiser und mir der 10. Hochzeitstag anstand und wir recht kurzentschlossen gemeinsam wegfahren wollten, kam mir das goldene Städtchen wieder in den Sinn und der Kaiser stimmte zu. Für günstige Bahntickets war es bereits zu spät und so machten wir einen Roadtrip daraus. Via Airbnb fanden wir eine kleine entzückende Dachwohnung (mit ebenso entzückendem Host) mit Blick auf die Prager Burg zur einen und auf die Karlsbrücke zur anderen Seite. Ein wirklich wunderschöner Ausgangspunkt, um Prag zu entdecken. Aber seht selbst:

Mit dem Auto konnten wir kurz vorfahren, um auszuladen, und parkten dann in einem bewachten Parkhaus auf der anderen Seite der Moldau. Das ist zwar nicht ganz billig, aber zu verkraften. Das Auto einfach so abzustellen, ist kaum möglich und wenig ratsam. Das Vehikel war also sicher unter und so erkundeten wir bei strahlendem Sonnenschein unsere Umgebung. Für das Studieren diverser Reiseführer war keine Zeit geblieben und so ließen wir uns einfach treiben.

Prag an einem Sommernachmittag hat fast etwas Mediterranes. Und vor allem Massen an Menschen. Es ist eng und es ist laut und eigentlich müsste es dem Kaiser und mir, die wir Städte nicht mögen (mit Ausnahme meiner Lieblingsstadt) eigentlich schrecklich auf die Nerven gehen. Tut es aber nicht. Wir lassen uns zwischen einer deutschen Reisegruppe, schnatternden Japanern und einem Junggesellenabschied durch die Gassen der Altstadt treiben. Wir lächeln und schauen und sind entspannt. An einem der kleinen Lädchen, die Trdelnik (eine Art Baumstriezel) verkaufen, halten wir an und lassen uns eine Portion mit Vanillecreme und Erdbeeren schmecken, während wir dem Treiben zusehen. Eine kleine Gruppe Krishna-Anhänger prozessiert an einer Gruppe Japaner vorbei. Bunt geht es zu in den Gassen Prags. Und laut. Und schön. Die Stadt lebt, riecht, klingt und hat ein Lächeln im Gesicht.

Nachdem das Gebäck verdrückt ist, wollen wir noch etwas sehen. Ich will auf die Burg, der Kaiser will nicht hochlaufen in der Hitze und mit vollem Bauch. So gehen wir weiter, schlendern um die Ecke und sehen einen von gefühlt 1000 Oldtimern, die Touristenfahrten anbieten. Das ist total der Nepp, finden wir. Und viel zu teuer, finden wir. Aber auch irgendwie witzig, finden wir. Und so kutschiert der rote Flitzer das Kaiserpaar 5 Minuten später kreuz und quer durch Prag und am Ende hoch zur Burg. Ist ja schließlich der 10. Hochzeitstag. Kann man mal machen.

Bevor wir zum Sightseeing aufbrechen, genießen wir einen Moment den Ausblick über die Stadt. Auch hier oben wimmelt es von Menschen, aber es lässt nach. Der Blick auf die Uhr verrät, warum: Der Dom ist schon zu und auch die Ausstellungen. Das heißt aber auch, dass man sich etwas entspannter bewegen kann. Die Taschenkontrolle (ja, daran muss man sich heutzutage gewöhnen) ist schnell passiert und wir schlendern am Schloss vorbei über den Burghof Richtung Veitsdom, über den Georgsplatz und bestaunen die Architektur. Vorbei am Königspalast und der Georgsbasilika laufen wir weiter.

Mein Ziel ist das goldene Gässchen. Im 16. Jahrhundert für die Burgwachen gebaut, zogen später Goldschmiede ein. Auch Alchimisten sollen hier gewirkt und versucht haben, künstliches Gold und den Stein der Weisen zu erzeugen. Später kam das Gässchen arg herunter. Von 1916 bis 1917 arbeitet in Hausnummer 22 Franz Kafka an seinen Werken. Heute ist es ein Touristenmagnet. Tagsüber zahlt man Eintritt und schiebt sich mit den Massen durch die winzige Gasse und in die Ausstellungen. Jetzt sind die meisten Ausstellungen zu, dafür aber die Absperrung offen und die pittoreske Gasse fast menschenleer.

Wir schlendern durch die Sträßchen hinunter Richtung Unterkunft. Vorbei an einer Harfenspielerin und einem letzten Blick über die Stadt.

Wir wohnen auf der „Kleinseite“ und finden somit direkt vor der Haustür schon unzählige Restaurants, Bars und Cafés. Spontan kehren wir in eine Gaststätte ein, die eine kleine Besonderheit aufweist: Der Zugang ist so schmal, dass eine Fußgängerampel den „Verkehr“ regelt. Das hatten wir auch noch nicht. Ich liebe es, in einer fremden Stadt solche Ecken zu entdecken.

Natürlich schlendern wir noch über die Karlsbrücke, bevor wir den Tag ausklingen lassen. Überall wird musiziert und gelacht. Es ist einfach schön. Bevor wir ins Bett fallen, genießen wir noch den Ausblick aus unseren „Postkartenfenstern“.

Am Morgen schlafen wir aus und der Kaiser organisiert leckeres Backwerk aus der kleinen, aber feinen Bäckerei im Nachbarhaus.

Durch die offenen Fenster höre ich, wie Leben in die Stadt kommt und fühle mich pudelwohl. Frisch gestärkt geht es wieder auf Entdeckungstour. Heute treiben wir einfach gemütlich durch die Straßen und laufen zum „tanzenden Haus“, welches ich unbedingt sehen wollte.

Dann geht es Richtung Wenzelsplatz, damit wir auch dort mal waren. Viel interessanter finden wir aber die alte Straßenbahn, in der ein kleines Café untergebracht ist. Dort gibt es Milchshakes, die wirklich gut aussehen. Da kann man schlecht Nein sagen. Uns hetzt nichts. Wir haben es gemütlich. Und muss man immer jede Sehenswürdigkeit sehen? Sicher nicht. Spontan im Straßenbahncafé Milchshakes schlürfen und über einen albernen Witz kichern, kann dann und wann durchaus die bessere Alternative sein.

Immer noch tiefenentspannt schlendern wir weiter, verlaufen uns, kaufen Souvenirs (für die Räubertochter) und kommen am Ende auf dem Altstädter Ring, dem Marktplatz, raus. Hier tobt das Leben. Während wir noch einem Straßenmusiker lauschen, kommt eine japanische Hochzeitsgesellschaft vorbei. Auch wir ziehen weiter, denn ein kleines Stück entfernt gibt’s Riesen-Seifenblasen – und ich liebe Seifenblasen. Der Herr mit der Seife muss aber pausieren, denn eine Marienprozession will auf den Marktplatz. Kurz lenkt mich die japanische Braut ab, die an uns vorbei zur Kutsche tippelt, um das nächste Fotomotiv in Angriff zu nehmen. Ich versuche herauszufinden, was das nun genau für eine religiöse Prozession ist, gebe es aber auf, als ich den Wikinger bemerke, der auf einem Türmchen aus Tischen und einer Mikrowelle stehend mit Klorollen jongliert und Köttbullar auf dem Kopf balanciert. Nun. Warum auch nicht? „Sven aus Schweden“ ist seit Jahren mit der Nummer unterwegs und bereist die Welt. Er möchte reisen, Menschen unterhalten und das tut er. Als ich denke, dass es nun grotesker nicht mehr werden kann und ich mich doch mal den Seifenblasen zuwenden könnte, geraten wir mitten in den Zombiewalk 2017. Derweil macht das japanische Brautpaar noch immer Fotos. Ach Prag, du bist schon wirklich eine Schachtel Pralinen – man weiß nie, was man als nächstes kriegt.

Der Magen meldet sich und wir landen in einer mittelalterlichen Taverne (U Pavouka). Lecker ist es und abends gibt es hier Shows mit 5-Gänge-Menü und Getränken zu einem guten Preis. Das merken wir uns für den nächsten Besuch, schließlich haben wir vor 10 Jahren mittelalterlich geheiratet.

Frisch gestärkt werfen wir uns noch einmal ins Gewühl und sehen uns zum Beispiel den Apostellauf der Prager Rathausuhr an.

Dann entdecke ich das kleine Madame Tussauds und MUSS hinein. Ich war noch nie in einem Wachsfigurenkabinett und wollte schon immer wissen, wie echt die Figuren aussehen. Hier gibt es keine Schlange und der Eintritt ist nicht teuer. Also nichts wie rein. Und spätestens bei Lady Gaga ist klar: Die Figuren können tatsächlich schrecklich real aussehen. Ich finde es total faszinierend, aber die kleine Ausstellung reicht völlig.

Wir lassen den Abend auf und um der Karlsbrücke ausklingen und essen auf dem Heimweg das wahrscheinlich leckerste Eis EVER. Es sieht nicht nur irre aus. Die italienische Marke legt Wert auf Natürlichkeit und das schmeckt man. Das Mango-Eis ist eine Offenbarung. Eisessend schlendern wir zufrieden zurück in die Wohnung mit den Postkartenfenstern.

Am Sonntag verlassen wir ein wenig wehmütig unsere Unterkunft. Es war wirklich schön hier und wir haben es nicht bereut. Aber wir haben noch etwas vor, bevor wir die Stadt verlassen. Ich schleppe den Kaiser zur Pinkas-Synagoge. Die Gedenkstätte und überhaupt alle Synagogen waren ja gestern während des Sabbats geschlossen. Was ich natürlich vergessen hatte und somit erst vor den verschlossenen Toren die Erleuchtung hatte. Als ich zuletzt in Prag war, habe ich die Synagoge besucht mit den Namen unzähliger Holocaust-Opfer an den Wänden. Ich erinnerte mich, wie tief mich auch die Stimme bewegt hat, die vom Band kam und die unaufhörlich die Namen verlas in der ansonsten absolut stillen Gedenkstätte. Ergreifend ist es noch heute. Nur still, still ist es nicht mehr. Es wird gedrängelt, geschwätzt, gekichert. Es werden Selfies geschossen und es wird sich keine Zeit mehr genommen. Zumindest ist es an diesem Tag so. Und es sind nicht die jungen Leute, wie man vielleicht vermuten würde. Warum auch immer, trifft mich das hart und ich habe einen Kloß im Hals. Die ältere Dame, die auf einem Stuhl auf der Empore sitzt und darüber wacht, dass zumindest niemand Schaden anrichtet, lächelt milde und nickt mir zu. Die Besucher darauf hinzuweisen, dass dies ein Ort der Stille ist, hat man offensichtlich aufgegeben. Ich lasse das an dieser Stelle einfach stehen, versuche selbst einen Moment der Ruhe zu finden und folge meinem Mann dann in Richtung des jüdischen Friedhofs. Hier ist es ruhiger und wir atmen durch, auch wenn es noch in uns arbeitet. Still besichtigen wir auch die angrenzenden Gebäude, die zum jüdischen Museum gehören.

Das Mittagessen haben wir uns verdient und kehren im Marina auf der Moldau ein. Das schwimmende Restaurant ist nicht nur schick und hat einen grandiosen Ausblick, es schmeckt auch noch wirklich gut und man umsorgt uns. Ein schöner Ausklang des Besuchs.

Bevor wir Prag endgültig verlassen, fahren wir noch an den Hauptbahnhof. Ich möchte einfach noch gerne die alte Bahnhofshalle sehen, die mich auf Fotos so fasziniert hat.

Und da die Jerusalem-Synagoge nur einen Steinwurf entfernt ist, besichtigen wir auch noch diesen wunderschönen Ort und sehen uns in der Ausstellung auf der Empore um, bevor es für dieses Mal wirklich Zeit ist, Abschied zu nehmen. Nach drei Tagen prallem Prager Leben freuen wir uns auf zu Hause, können uns aber beide definitiv vorstellen, wiederzukommen. Und das, wo wir doch beide keine Städte mögen.

P.S.: Und mit dem Gang über die Karlsbrücke hat auch die Bucket List einen neuen Haken.

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  1. Prag geht echt immer. Mir gefällt ja die andere Seite vom Fluss besser, weit weg von den Sehenswürdigkeiten findet man noch schöne versteckte Ecken.

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